Paterson & der COVID19

Background:

Paterson, eine beschauliche Kleinstadt im Eastern Cape, ganz in der Nähe vom Addo Elephant Nationalpark mit ca. 20.000 Einwohnern.

Auf den ersten Blick mag man gar nicht denken, das so viele Menschen in dieser Stadt leben. Es sieht eher nach einem 500 Seelen Dorf aus.

Paterson hat relativ viele RDP Häuser (RDP ist die Bezeichnung für ein „Stein“ Haus, das vom Staat gestellt wird). Diese haben eine Einheitsgröße von 50qm und maximal 2 Zimmern. Allerdings leben auf diesen 50qm oftmals bis 8 Personen. Manchmal mehr, manchmal weniger. Klar ist das Haus vieeel zu klein und aus diesem Grund wird hier oftmals mit Wellblech angebaut. Ich schätze, dass es in Paterson rund 60% Steinhäuser und ca. 40% Wellblechhütten gibt. Die Unterkünfte stehen sehr dicht bei aneinander. Der maximale Abstand zwischen den Hütten beträgt 20 Meter.

Stromversorgung

Die Stromversorgung ist bei den meisten Unterkünften gewährleistet. Es gibt eine Art „Prepaid“ Strom zu kaufen. Die "neugebauten" Wellblechhütten (informal Settlements) haben hingegen keinen Strom. Ich kenne Häuser, die seit 3 Jahren auf einen Stromanschluss warten.

Toiletten und Waschmöglichkeiten

Bis vor 3 Jahren gab es nur „Plumpsklos“ in Paterson.

Diese wurden von den Einwohnern mit Hilfe von Wellblech errichtet. War ein Loch „voll“, dann wurde ein neues Loch gebuddelt und das Toilettenhäuschen versetzt. Dann wurden Toilettenhäuser aus Stein vom Staat gestellt. Nach einer Art Baukastensystem. Toiletten mit Spülkasten wurden installiert. Auf der Rückseite der Toilettenhäuschen gibt es einen Wasserhahn mit der Möglichkeit, die Hände zu waschen. Zu- und Abwassersysteme wurden installiert. So weit, so gut.


Wasserversorgung Der Staat (oder die örtliche Stadtverwaltung) hat jedem Haus einen 5000 liter Tank kostenfrei geliefert und angeschlossen. Hört sich erstmal großzügig an. ABER Paterson wird nur morgens und abends für 30 Minuten mit fließendem Wasser (aus dem Wasserhahn) versorgt! 1 Stunde am Tag und selbst das ist nicht jeden Tag garantiert. Oftmals ist Paterson 3 Tage ohne Wasser! 3 Tage! Könnt Ihr Euch das vorstellen??? Aus diesem Grund gibt es diese 5000 liter Tanks. Nun noch ein kurzer Hinweis: Wir haben seit 4 Jahren eine Dürreperiode!

Das Wasser in diesen 5000 liter Tanks wird auch von den Bewohnern getrunken.

Ob das wohl gesund ist? Stellt Euch vor: Es ist 30 Grad warm, das Wasser erhitzt sich und "steht" für mehrere Tage / Wochen.. Ich habe selber schon etliche „Würmer“ drin schwimmen sehen. Von unsichtbaren Zeitgenossen möchte ich gar nicht reden.

Hygiene

Was kann man über die hygienischen Verhältnisse sagen, wenn kaum oder gar kein Wasser vorhanden ist???

Selbstversorgung Viele haben versucht, einen Garten anzulegen. Bei den meisten hat es nicht funktioniert-ohne Wasser kein Garten.

Gesundheitswesen

Non existing! Bei 20.000 Einwohnern gibt es eine „Klinic“, so von den Einheimischen genannt. Wir würden sagen, dass es ein Haus mit einem aufgemaltem Roten Kreuz ist. Diese Klinic wurde ursprünglich errichtet, damit die Medikamente an die Patienten ausgegeben werden konnte. Ein „richtiger“ Arzt ist nur am Freitag vor Ort. Ansonsten versuchen, die Krankenschwestern zu helfen. Meistens werden Kopfschmerztabletten verteilt, andere Medikamente sind oft nicht verfügbar. Ansonsten gibt es eine Überweisung in das nächste Krankenhaus, nach Kirkwood, ca. 50 km entfernt. Hier wird dann ein Krankentransport für den nächsten Tag organisiert. In dringenden Fällen steht EIN Krankenwagen zur Verfügung.

Wenn dieser unterwegs ist (z. B. Nach Kirkwood), dann ist er für 2 Stungen nicht vor Ort, um andere Notfälle „abzuarbeiten“. Wieviele Notfälle gibt es in einer Stadt mit 20.000 Einwohnern?

Ein Zahnarzt ist nicht ansässig. Hier gibt es ein Zahnarztmobil, dass alle 2 Wochen nach Paterson kommt und hier Menschen behandelt. Einen Termin zu bekommen, das ist wie ein sechser im Lotto.

Beschäftigung & Arbeitslosenquote

Im Dorf gibt es zwei größere Hersteller für Futtermittel, ein großer Laden für Farmzubehör, ein paar kleine Shops, die einige Leute beschäftigen und die Farmen, die Mitarbeiter eingestellt haben.

Während der Zitrusernte von Mai bis Oktober werden viele für die Saison beschäftigt.

Die meisten Beschäftigten gibt es in den Lodges und B&B´s.

Einer der größten Arbeitgeber ist Shamwari mit fast 400 Angestellten, dann folgen Amakhala und noch einige andere. Dann gibt es die Polizei mit knapp 35.

Wir selber haben 6 fest angestellte Mitarbeiter und 4 Aushilfen.Mitarbeiter.

Ich behaupte einfach mal, dass die Arbeitslosenquote in Paterson bei 60% (29% im Landesdurchschnitt) liegt.

Krankheiten im Township Offiziell sind knapp 15% mit HIV/Aids infiziert. Tuberkulose haben bei uns im Eastern Cape ca. 9%. Hinzu kommen unzählige andere Krankheiten..

Die Versorgung mit Medikamenten gegen Aids und TB ist gut.

Einkommen Es gibt für jede Berufsgruppe einen Mindestlohn. Bei uns in der Region beträgt der Mindestlohn R 160 (ca. € 10) pro Tag.

Die Lebensmittelpreise sind ähnlich wie in Deutschland. Einige Produkte sind günstiger, andere teurer. Wer kann also von € 10,00 eine Familie ernähren? Das ist schon fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Ein gängiges Gericht ist Maismehl.. Es ist günstig und es macht satt. Aber der Körper kann soviel Mais gar nicht verarbeiten und dann geht es an die Nieren.

Ernährung und Lebensmittel

Ein niedriges Einkommen ist gleich zu setzen mit einer Ernährung, die nicht ausgewogen ist und auch nicht gesund sein kann. Chips und Getränke, wie Coca Cola, Fanta, Sprite (oder ähnliche Getränke) werden in großen Gebinden günstig angeboten. Ich muß wohl nicht erwähnen, wie ungesund diese Drinks sin.




Alkohol & Drogen

Wie überall auf der Welt-wenn der Mensch keine Aufgabe hat und sich langweilt

Dann fängt er das Trinken an.

Und hier in den Townships wird der „Alkoholverschnitt“ ziemlich günstig angeboten. Im Hinterhof wird aus „alter“ Hefe ein „Gesöff“ gebraut und für 2 Rand (ca. € 0,11)

verkauft. Wir würden alle davon blind werden, wenn wir nur davon riechen würden!! Klar gibt es auch die internationalen Marken zu kaufen, diese können sich aber nur die wenigsten Leute leisten.

Mit Drogen bin ich nicht wirklich vertraut... Ich „höre“ oft nur, dass Mandrax Tabletten im Umlauf sind und zum Teil auch schon die 12 jährigen sich diese Tabletten einwerfen..



Kriminalität

Leider ist die Kriminalität auch im Township von Paterson allgegenwärtig! Oftmals sind es kleinere Delikte: Wasser wird geklaut, ein Huhn, eine Ziege oder ein Schaf gestohlen. Wenn ein Haus für mehrere Tage unbewohnt ist, dann kann es schon mal sein, dass es danach leer vorgefunden wird.

Leider gibt es extrem schlechte Kombinationen aus Wochenende, Alkohol, Drogen und Frauen...

Soziales Verhalten

Ohne Familie und Freunde geht in den Township nix... Man ist auf die Hilfe von anderen angewiesen. Deswegen ist es so unglaublich wichtig, die sozialen Kontakte aufrecht zu erhalten. Die Leute treffen und unterhalten sich.



COVID 19 / Corona Virus

Eine Empfehlung ist ja Händewaschen /Desinfektion, dazu gab es auch im südafrikanischem Fernsehen Berichte, dass man sich 20 Sekunden die Händewaschen soll. Das war der Brüller des Tages! Es gibt hier in Paterson KEIN fließendes Wasser. Es gibt hier KEINE Drogerie, KEINE Apotheke, KEIN Krankenhaus, wo man Desinfektionsmittel, Tabletten, Masken etc. Einkaufen kann.

Wie wird sich COVID 19 auf das Örtchen Paterson auswirken? Ich hoffe, dass ich mich irren werde (das werden wir dann in ca. 2 Monaten beurteilen können). Ich glaube, dass es schlimm werden wird, es wird richtig schlimm werden!

Der Lockdown-die Ausgangssperre! Wie in vielen anderen Ländern schon umgesetzt, wird es in Südafrika ähnlich werden: Geöffnet sein werden:

  • Supermärkte, Shops mit Lebensmittel

  • Drogerien, Apotheken

  • Krankenhäuser

  • Das „produzierende“ Gewerbe und alle, die damit zu tun haben.

Alle anderen Geschäfte werden schließen müssen.

Home Office ist hier nicht alltäglich, wer die Möglichkeit hat, wird es tun.

Geschlossen sind:

  • Sämtliche Unterkünfte, Lodges, B&Bs

  • Restaurants, Pubs, Tavernen

  • Alle Nationaparks

  • Alles, was mit Tourismus zu tun hat: Flughäfen, Autovermietungen

  • Airlines dürfen nicht mehr fliegen.

  • Die Häfen sind geschlossen

  • Öffentliche Taxen dürfen nur zu bestimmten Zeiten fahren, die Anzahl der Passagiere wird um die Hälfte reduziert.


Nun hier meine ganz PERSÖNLICHE Einschätzung!!


Was passiert im Township:

Die Menschen verstehen gar nicht, was passiert! Wozu diese Maßnahmen gut sind oder sein werden.

Sie machen weiter wie bisher. Und haben auch gar keine andere Möglichkeit.

Viele haben bereits Ihren Job verloren (alle Lodges sind bereits seit einer Woche geschlossen und haben Ihre Mitarbeiter freigestellt oder in die Arbeitslosigkeit entlassen). Die Arbeitslosigkeit beträgt nun 90%

Es ist Spätsommer, die Temperaturen bei 28 Grad, es ist heiß in den Wellblechhütten, die Leute gehen raus zu Freunden-sie haben keine andere Beschäftigung.

Es werden weiter Gottesdienste und Beerdigungen mit ca. 200 Personen stattfinden.

Es ändert sich nix. Es kann sich gar nicht ändern.

Die Leute leben von der Hand im Mund! Und da ist der soziale Zusammenhalt das einzige was sie haben.

Zunächst scheint es, dass Paterson vom Virus verschont bleibt, eine trügerische Ruhe..

Tag 5 (31.03.20) nach der Verhängung de Ausgangssperre

Nach spätestens 5 Tagen holt die Leute die Realität ein: Das Geld vom letzten Verdienst ist aufgebraucht. Es gibt kein „neues“ Geld.

Die Arbeitslosenhilfe ist noch nicht bearbeitet und wird nicht ausgezahlt.

Die Familie hat Hunger, es gibt nix.

Logischerweise wird die Kriminalität steigen. Die Farmer in der näheren Umgebung werden viele Tiere verlieren,

es werden Menschen auf frischer Tat erwischt und getötet werden.

Auch wir sind ein leichtes Ziel..Die Leute wissen, dass wir keine Waffen im Haus haben und wir sehr viele Schweine, ein paar Rinder, Ziegen etc halten.

Es wird der erste Corona Fall bekannt gegeben.

Tag 8 (03.04.20)

Die Polizei ist machtlos und hat gar keine Manpower, um einzugreifen.. Es kommt zu Plünderungen. Die Einwohner halten sich immer noch nicht an die Ausgangssperre

Es sind bereits 300 Leute infiziert und es gibt den ersten Toten.

Tag 12 (07.04.20)

Die Zahl der steigt! Es sind nun mittlerweile 2000 infizierte und es gibt 89 Tote.

Die Ambulanz ist komplett überfordert, das Militär eilt zur Hilfe.

Die Krankenhäuser in Port Elizabeth haben bereits jetzt schon keine Kapazitäten mehr zur Verfügung.



Tag 15 (10.04.20) nach Verhängung der Ausgangssperre: 6000 Infizierte, 169 Tote. Paterson wird vom Militär abgeriegelt. Es kommt zu Aufständen, es gibt keine Lebensmittel mehr.

Lebensmittel werden mit Hubschraubern nach Paterson geflogen.

Tag 21 (16.04.20) nach der Verhängung der Ausgangssperre

wird die Sperre wird um weitere 30 Tage verlängert.

Der Höhepunkt ist erreicht und 13.500 von 20.000 Einwohnern haben sich infiziert. Durch Vorerkrankungen, wie Aids, TB und schwachem Immunsystem

sterben 4856 Menschen. Kinder, junge Menschen, Teenager, Erwachsene und Alte..

alles sind betroffen. Die hygienischen Mängel, die Krankheiten und das nicht beachten der Regeln haben diese Todesopfer gefordert.

Es werden nur noch Löcher gebuddelt, um

die vielen Leichen unter die Erde zu bringen.

Dies ist lediglich eine EINSCHÄTZUNG von mir. Ich hoffe, dass sie nicht eintritt!! Und ich völlig falsch liege!

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